Mit dem ,Salon für Kunstbuch hat Bernhard Cella 2007 eines seiner Kunstprojekte realisiert. Der Künstler, der in Wien und Hamburg Kunst und Bühnenbild studierte, hat sich in seinen Arbeiten mit dem Künstlerbuch als Medium befasst. Wachsendes Interesse am Medium Kunst-Buch vermisst in Wien einen Ort, der einen offenen Diskurs rund um das Kunstbuch zulässt. Mit dem Salon für Kunstbuch hat Cella einen Ort geschaffen der als 1:1 Modell einer Buchhandlung einen solchen Diskurs möglich macht. Und tatsächlich mutet dieser Ort auch wie ein Salon der Bücher an. Feste Öffnungszeiten (4 Nachmittage in der Woche! laden ein in den derzeit 2362 unterschiedlichen Publikationen zu schmökern. Als Thema verfolgt Cella die Auseinandersetzung mit den aktuellen Produktionen von Kunst im Medium Buch. Zusätzlich zur Vorstellung der Bücher werden Künstlerinnen Herausgeber, Verleger, Graphiker und Autoren zu öffentlichen Gesprächen und Buchpräsentationen eingeladen.

Und so hat der Salon auch etwas von einer nach innen gekehrten Skulptur. Möbel Boden und Wände alle in grau getränkt, die Regale und Präsentationsobjekte verweisen auf die architektonische Lösungen einer Geschäftseinrichtung, auf einem Tisch steht ein Tisch, schräg gekippt wie auf einer Bühne. Viele der vorgestellten Bücher sind mit dem Cover und nicht mit dem Rücken ausgestellt. In der Zusammenstellung folgt Cella der Farbenlehre. Sieht man durch eins der drei Schaufenster ins Innere findet man Bücher unterschiedlichsten Formats nach Farben angeordnet.

Das Prinzip des Salons ist ein anwachsendes. Mit jeder Ausstellung verdichtet sich der Raum durch den Zuwachs an Kunstbüchern und die Rekonstellation ihrer Inszenierung. Alle ausgestellten Bücher sind käuflich zu erwerben.

 

Frage: Was ist ein Buch?

 

Ein Buch ist ein Kommunikationsmittel. Es wird heute verstärkt als Medium eingesetzt, um Themen, die uns beschäftigen und die man kommunizieren möchte, zu formulieren. Das macht sich auch spürbar an dem enormen Boom des Selbstpublizierens.

 

Es gibt also einen Boom?

 

Der ist gigantisch und hat zwei Gründe. Einmal hat das Buch durch das Internet und dessen Durchsetzung als Massenmedium eine Befreiung vom Zwang Informationen zu transportieren erlebt. Das Medium selber wurde damit frei, denn die meisten Informationen, die man heute braucht, holt man sich nicht mehr aus Büchern, sondern aus dem Netz. Damit stellt sich die Frage neu, welche Möglichkeiten das Buch bietet. Für mich ist das Internet keine Konkurrenz zum Buch, viel mehr der Spiegel, das Vis-a-vis. Sowie die Fotografie den Film hat, hat das Buch im Internet ein Gegenüber gefunden.

Als zweites sind die Produktionstechniken billiger geworden. Da gibt es verschiedenste Techniken, mit dem sich sehr kleine Auflagen zu sehr günstigen Preisen produzieren lassen. Das macht es eigentlich jedem möglich zu sagen, ich möchte ein Buch herstellen und produziere das. Ein zentrales Thema dabei ist natürlich der Computer, der ja in allen Lebensbereichen Einzug gehalten hat. Viele Akteure in diesem Bereich, vor allem Künstler eignen sich die diversen Desktop Publishing Programme selbst an. Das heißt wenn man sich dafür interessiert, kann man sich das eigentlich selbst beibringen. Sehr viele Produktionsschritte um ein Buch zu machen sind heute um ein vielfaches billiger als noch vor zwanzig Jahren. Das war früher undenkbar, alles was entworfen war bedurfte eines doch recht aufwändigen Übersetzungsprozesses. Ich kenne eine ganze Reihe von sehr gut gemachten Publikationen die mit einem Kopiergerät vervielfältigt wurden.

 

Das heißt der Kopierer steht am Anfang dieses ganzen Booms?

 

Könnte sein. Dazu gibt es ja auch eine ganze Kultur. Ich habe hier einmal im Salon für Kunstbuch eine Ausstellung gemacht zum Thema Fanzine, also Hefte. Das kommt ja aus der englischen Pop- und Rockkultur wo während des Konzerts sofort Reflexionen des Konzerts verfasst und vervielfältigt wurden, um sie nach dem Konzert zu verkaufen. Das heißt die haben sich währen des Konzerts hingesetzt, haben geschrieben, Fotos gemacht, Zeichnungen angefertigt und alles zusammenkopiert und das wurde dann nach dem Konzert am Ausgang verkauft. Und daraus ist eine Kultur entstanden.

Manche Stimmen beklagen aber auch, dass durch diese Möglichkeiten des Selbstpublizierens die Qualität verfällt indem etwa gewisse Regeln in der Gestaltung oder der Typographie nicht mehr beherrscht werden.

Ich glaube das nicht! Wie in vielen Bereichen brauch es einen breiten Bodensatz um an seinen Spitzen Qualität zu entwickeln. Wenn man sich etwa den Kunstbetrieb als Pyramide vorstellt, dann zeigt sich wie wichtig ein breit gefasster Bodensatz ist. Qualität entwickelt sich durch den Vergleich und Konkurrenz.

 

Wie bist du zum Buch gekommen?

 

Ich habe während des Studiums relativ viele Arbeiten entwickelt, die temporär sichtbar oder sehr prozessorientiert waren. Das heißt Kunstwerke wovon tendenziell eher wenig sichtbar blieb. Das hat mich dann zu der Frage geführt, wie geht man mit dem Rest- Dokument um. Das Studium und die Beschäftigung mit dem Medium Buch haben mein Interesse für das Medium entstehen lassen. Als nächstes begann ich mit der Aufarbeitung und Überführung solcher Dokumente in ein Buch. Wie überführt man eine Performance in eine Publikation? In wie weit eignet sich das Medium Buch, um darin eine künstlerische Arbeit zu entwickeln? Ich habe dies Fragen dann auf unterschiedliche Weisen durchgespielt.

 

Wie kam es dann zum Salon für Kunstbuch?

 

Zu Beginn des Salonprojekts stand für mich die Frage im Zentrum, wie man sich heute als bildender  Künstler in den Kunstdiskurs einbringen kann, ohne dabei die Augenhöhe zu verlieren, also ohne zu großen Kontrollverlust, was das eigene Werk und die Umsetzung eigener Ideen betrifft. Ich versammle dort über mehrere Jahre, was Künster_Innen, Theoretiker und Autoren entwickeln und damit die Formen, wie sie sich im Medium Buch äußern. Aus diesen materialen Aspekten lassen sich wiederum skulpturale Prozesse ableiten..

Und da Wien soweit mir bekannt ist keine sehr lange und breite Tradition im Medium Kunstbuch hat, es gleichzeitig aber sehr viel Diskurs gibt, habe ich es als wichtig empfunden diesen Moment hier in Wien aufzugreifen und in eine Form zu gießen.

 

Die Auswahl der Bücher triffst du?

 

Was du hier siehst, wurde von mir zusammengestellt. Was ich natürlich auch interessant finde ist, dass man hier die unterschiedlichen Verfahrensweise im Medium und die unterschiedlichen Qualitäten sehen kann. Also die Frage wie wird ein Konzept in das Medium Buch übersetzt und wie unterschiedlich muten die Ergebnisse an. Da handelt es sich ja immer um Übersetzungen.

Klar ist es interessant, wenn man erfährt, was an ganz unterschiedlichen Orten in der Kunst jeweils verhandelt wird und was dazu in Buchform erscheint. Viele dieser Publikationen erscheinen ja ohne ISBN-Nummer, was man früher die graue Literatur nannte.

 

Aber man kann hier auch Bücher kaufen?

 

Ja, man kann hier Bücher kaufen, sonst wäre es ja kein Modell einer Buchhandlung sondern eine Bibliothek. Das Projekt repräsentiert eine konzeptionelle Praxis die Ihre Vorbilder in der amerikanischen Kunstpraxis der 70er Jahre I(Beispiel SoLeWit) findet. Die Fragen der Selbstorganisation von Künstlerinnen, Autoren und Kuratoren was Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten angeht die vom Kunstmarkt teilweise unabhängig agiert sind fragen mit denen ich mich hier beschäftige. Alles nicht neu aber die Fragen haben Ihre Relevanz behalten und Entfalten 2010 veränderte Möglichkeiten der Kommunikation.

 

Wie definierst du denn ein Kunstbuch?

 

Ein Kunstbuch ist alles was so zum Thema Kunst erscheint. Ein Künstlerbuch was du mit deine Frage vermutlich meinst, ist ein Buch, das von einem Künstler erdacht, gestaltet und oft auch produziert und vertrieben wird. Das wird meist als eigenständige Arbeit verstanden, erscheint in kleinen Auflagen, auch signiert, oft ist ein Original beigelegt.

 

Gibt es denn einen Markt für solche Eigenproduktionen?

 

Ich denke ja! Die Entwicklung am Buchmarkt heute pflügt den fruchtbaren Boden für solch eine Entwicklung. Da sich die bestehenden Buchhandlungen immer mehr durch ihr Sortiment an Fastfoodketten annähern entsteht neuer Hunger nach Substanz und Inhalt der sich nicht am Mainstream orientiert. Was das Kunstbuch betrifft gab es in Wien immer schon sehr wenig und das finde ich immer noch erstaunlich.

 

Gibt es Sammler von Kunstbüchern?

 

Gibt es! Sammler, die mit einem bestimmten Fokus zusammentragen was Ihnen wertvoll erscheint. Und in diesem Bereich suchen sie Bücher, die ihre Sammlung erweitern und vervollständigen. In irgendeiner Form sammelt wahrscheinlich jeder, der auch liest. Aber es gibt natürlich Leute die das zur Profession führen. Ich kenne einen der sammelt nur Künstlerbücher mit Autogramm, nur Gegenwart und nur Österreich.

 

Gibt es in Österreich eine Wertschätzung für künstlerische Arbeiten im Medium Buch?

 

In den Benelux Staaten, in der Schweiz und in Frankreich gibt es historisch nachvollziehbare Entwicklungen die zeigen, wie aus dem offenen Umgang mit dem Medium und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Wertschätzung ganz andere Begriffsformen entstanden. Ich spreche hier von dem was man so in der sich heute als bürgerliche Gesellschaft bezeichnenden Umwelt als werthaft bzw. wertvoll versteht. Wir stehen da verkürzt gesagt in einer ganz anderen Tradition in Österreich. Der Wert, den etwas darstellt misst sich bei uns sehr stark daran, wie stark er in jeweiligen Szenen anerkannt ist. Kennt das Umfeld den Künstler nicht oder die Arbeit nur mäßig, kann sie stark an gesellschaftlichem Mehrwert verlieren.-Da stellt sich natürlich die Frage, was ist spannender für mich. Ob das die Dinge sind, die eh jeder kennt, oder ob das die Dinge sind, die in der Zeit und in Bezug auf mich, auf das womit ich mich in meiner Lebenswirklichkeit beschäftige eine Qualität entwickeln.

Die Frage ist eben wieweit eine Gesellschaft sich dazu entschließen kann, Dinge, die keinen großen materiellen Wert darstellen, ideell einen Wert beizumessen.

Trotzdem bildet sich auch hierzulande eine wachsende Sensibilität für das Medium experimentelles Buch aus. Das macht sich sowohl in der Gestaltung als auch in der Konzeption von Publikationen bemerkbar. Leute aus Disziplinen wie dem Tanz, Theater, Grafik, Film und Werbung suchen Inspiration für Ihre eigene Arbeit im Medium Buch.

 

NO ISBN


Die Internationale Standardbuchnummer [International Standard Book Number, abgekürzt ISBN, dient dazu Bücher eindeutig zu kennzeichnen und dadurch auffindbar zu machen. Das System wurde in den sechziger Jahren in England entwickelt und gilt seit den siebziger Jahren als Standard. Bis 2006 gab es eine zehnstellige ISBN, die seither auf dreizehn Stellen erweitert wurde, da man im englischsprachigen und osteuropäischen Raum Probleme hatte Die Nummern werden von zuständigen nationalen Stellen vergeben und sind kostenpflichtig. Die Zuteilung einer einzelnen ISBN kostet etwa 80 Euro - mit der Registrierung als Verlag und dem kauf mehrerer Nummern wird es dann billiger. Aber nicht jedes Buch hat einen ISBN. Häufig werden selbstproduzierte Bücher in kleinen Auflagen und im Selbstverlag ohne ISBN veröffentlicht.

Mit seinem Projekt NO ISBN versammelt Bernhard Cella für das Jahr 2010 300 Bücher die diesen Charakter haben und in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig ausgestellt werden. Die Teilnahmebedingungen finden sich auf der Homepage des Salons für Kunstbuch (salon-fuer-kunstbuch.at), Einsendeschluss ist der 31. Januar 2010.